Intonation & Stimmung
Die Stimmung eines Bandoneons ist der mit Abstand sensibelste und wichtigste Teil einer Restauration.
Aufgrund des Funktionsprinzips einer freischwingenden Stimmzunge kann ich - grob erklärt - die Tonfrequenz nur durch geringen Materialabtrag am oberen- oder unteren Ende der Stimmzunge erzeugen. Je nachdem, ob ich höher, oder tiefer stimmen muss.
Damit wird deutlich, dass sich ein Bandoneon nicht unbegrenzt oft stimmen lässt.
Für mich bedeutet das, dass grundsätzlich alle für eine stabile Stimmung notwendigen Faktoren gegeben sein müssen, um den Materialabtrag an der Stimmzunge so gering wie möglich zu halten. Nur so kann die Lebensspanne eines Bandoneons verlängert, die volle Klangqualität und letztendlich auch der Wert erhalten werden.
Aus meinen Erfahrungen im Umgang mit alten Bandoneons und dem Bestreben, jedes Instrument best möglich zu erhalten, führe ich sämtliche Arbeiten an den Stimmplatten und Zungen ausschließlich von Hand und ohne Zuhilfenahme von Maschinen aus.
Meine Tätigkeit geht dabei weit über ein reines Abgleichen von Frequenzen hinaus.
Vielmehr geht es darum, alle Vorraussetzungen für ein maximal mögliches Klangerlebnis zu schaffen.
Nicht jedes Bandoneon und jede Bandoneonspielerin, oder Spieler hat die gleichen Bedürfnisse – und damit ist es meine Aufgabe, diese zu identifizieren und mit Machbarkeit abzugleichen.
Als ersten Arbeitsschritt nehme ich eine gründliche, manuelle Reinigung der Stimmplatten vor.
Je nach Bedarf werden Nietverbindungen einzeln oder in Gänze nachgearbeitet.
Bei der Anpassung der Lösabstände (Aufbiegung der Stimmzungen von der Stimmplatte) habe ich ebenso gewisse Gestaltungsmöglichkeiten, wie bei der Auswahl der Lederventile.
Die Stimmung selbst wird von mir nach alter Tradition ausschließlich von Hand und mit feinen Feilen ausgeführt.
Beschädigte oder gebrochene Stimmzungen tausche ich gegen Originalstimmzungen aus Altbeständen aus. Diese fügen sich hervorragend in das bestehende Klangbild ein und garantieren eine möglichst ausgeglichene Tonskala.
Bedenken Sie, dass jedes der alten Bandoneons ursprünglich für eine deutlich tiefere Stimmung konzipiert und gebaut wurde!
Praktisch alle historischen Bandoneons haben mit der damals in Deutschland üblichen, tiefen Stimmung von a1=435 HZ (der so genannten „Pariser Stimmung“) das jeweilige Werk verlassen.
Im Laufe der letzten Jahrzehnte und mit Wandel des Zeitgeschmacks wurde diese immer weiter angehoben.
Heute wird auf Bandoneons üblicherweise mit a1=442 HZ musiziert.
Dies bedeutet, dass mit ganz seltenen Ausnahmen alle alten Bandoneons in ihrem Dasein bereits sehr viel höher gestimmt wurden.
Deshalb versuche ich alle weiteren Eingriffe so gering wie irgend möglich zu halten.
Kompromisse lehne ich aus diesem Grund zugunsten der Integrität der Instrumente und aus Überzeugung ab.
Das Ergebnis belohnt dafür mit bestmöglicher Tonansprache und schneller Reaktion der Stimmzungen, großer Klangfülle und einer stabilen Stimmung.
Denkanstoß
Nur noch sehr wenige der alten Bandoneons mit tiefer Originalstimmung sind bis heute erhalten geblieben.
Es wäre aus meiner Sicht an der Zeit, diese nach Möglichkeit zu erhalten und so wenigstens einige Instrumente in ihrem von den alten Meistern angedachten Klang zu erhalten.
Auch wenn man dann nicht uneingeschränkt mit anderen Instrumenten musizieren könnte, wäre es doch gleichzeitig eine große Chance, mit dem Bandoneon neue Möglichkeiten zu entdecken.